Traktortour 2017

Traktortour „Und? Was behindert Dich?“

16.-24. Juni 2017

 

Es war eine ungewöhnliche 8-tägige „Reise“, die am 16. Juni 2017 im Dekanat Friedrichshafen startete: Mit einem alten „Eicher“-Traktor und Planwagen unterwegs vom Adenauerplatz in Friedrichshafen bis zum Münsterplatz in Ulm. Gemeinsam mit der „Seelsorge bei Menschen mit Hörschädigung“ und der „Seelsorge bei Menschen mit Behinderung“ in der Diözese Rottenburg-Stuttgart, stand die Tour unter dem Motto „Und? Was behindert Dich?“. Wer mit etwa 17 Stundenkilometern über die Landstraßen fährt, behindert tatsächlich den Verkehr und zwingt die Autofahrer, einen Gang zurück zu schalten und eine Weile hinter dem Gefährt her zu fahren. „Ich habe euch mit meiner Tochter, die zur Zeit an zwei Krücken laufen muss, gestern überholt“, erzählt uns eine Kundin im Dorfladen von Wolfegg. „Wir haben gleich gegoogelt und uns über die Aktion informiert. Wir finden sie klasse, aber es hat uns auch nachdenklich gemacht!“. Auf der Strecke nach Bad Waldsee überholt uns eine Autofahrerin, fährt gleich auf, kurbelt die Scheibe herunter und streckt ihren Daumen nach oben: Wir sind berührt von dieser „Gebärde“ der Zustimmung und bedanken uns mit einem Lächeln. Überhaupt begleiten uns die Gebärden auf der Reise. Es sind fast immer Ortsgruppen von Menschen mit Hörschädigung an unseren Haltestationen zu Gast und bei den Gebeten und Gottesdiensten in der Nikolauskirche Friedrichshafen,  St. Jodok Ravensburg und St. Martin in Biberach werden die Texte simultan in die Gebärdensprache übersetzt. „Ich habe das noch nie erlebt!“, erzählt eine Gottesdienstbesucherin in Biberach, „mich hat das sehr berührt und fasziniert!“. Auch die vielen Schüler der Realschule Erbach, die uns mit ihren Religionslehrerinnen auf dem Wochenmarkt besuchen, interessieren sich für die verschiedenen Sinnesbeeinträchtigungen, die es in unserer Gesellschaft gibt: Wie lassen sich mit Gummihandschuhen kleine Holzwürfel an einem Faden einfädeln? Wie sehen wir die Welt durch eine Brille, die eingetrübt ist? Kommentare werden auf „Mauersteine“ und Wimpel geschrieben: Wir alle erleben Behinderungen im Alltag, da tut es gut, diese „Mauersteine“ einreißen zu dürfen, auch wenn es „nur“ mit einem Fußball geschieht. Ein Einrichtungsleiter in Wangen äußert im Gespräch: „Es ist toll, dass das Thema Behinderung nicht so hochwissenschaftlich daher kommt, sondern um die Ecke, auf eine leichtere und lockere Art…“. „VollTollBehindert?!“ lautet denn auch der Titel des Kabarettabends in Ehingen, der Einblicke in das Thema Inklusion gibt. Auch die beiden Kinofilme in Wangen und Bad Waldsee erzählen aus der großen Welt der Behinderungen eher leichtfüßig und doch in großer Tiefe. Zugleich gibt es viele ernste Momente in den unzähligen Begegnungen an den Haltestellen des Traktors. „Ich bin auch sprachbehindert!“, sagt uns ein afghanischer Familienvater, der mit seiner Familie in einem kleinen Dorf in der Nähe von Wangen lebt. Sie haben einen Ausreisebescheid bekommen und hoffen trotzdem, bleiben zu dürfen. „Ich habe so viele Fragen in meinem Bauch an euch Deutsche!“ ergänzt er und hält beide Hände, die Finger gespreizt vor seinen Bauch. In Friedrichshafen interessiert sich ein Mann für unseren Traktor. Er macht mit seiner Familie gerade Urlaub am Bodensee. Plötzlich kommt seine schwer mehrfach behinderte Tochter im E-Rolli angefahren. Ein zweiter E-Rolli taucht auf, es ist der Freund der Tochter. Ganz selbstverständlich inspizieren sie unsere Aufbauten. „Ja, wir mussten unser ganzes Haus umbauen“, erzählt der Vater ganz nebenbei. In Tettnang kommt ein Gespräch auf das Thema Euthanasie. Eine Mutter schaltet sich in das Gespräch ein. Ihre erwachsene Tochter, die sich durch ihre Behinderung kaum äußern und mitteilen kann, sitzt bei uns am Boden. „Niemals hätte ich meine Tochter allein gelassen!“ Sie hält inne. „Ich wäre mit ihr in den Tod gegangen!“, sagt sie in aller Bestimmtheit. Im Tagebuch notiere ich später: „Es ist unglaublich, mit welcher Geduld, Kraft und Liebe Eltern für ihre Kinder mit Behinderung sorgen!“

Ja, es ist schwer zu beschreiben, was zu den eindrücklichsten Erfahrungen dieser Traktortour gehört. Waren es die vielen kleinen und großen unerwarteten „Geschenke“ vor und während der Reise? Die unkomplizierte finanzielle Unterstützung u.a. durch die Dekanate, die Stiftung Liebenau oder den Verein Andere Zeiten e.V. in Hamburg? Der Bürgermeister in Wangen, der den Bauhof anrufen lässt, damit uns zwei große Sonnenschirme gebracht werden oder die Marktfrau in Ulm, die uns einen großen Obstkorb vorbei bringt? War es die Gastfreundschaft unserer privaten Gastfamilien oder die Gastgeber, bei denen das Traktorgespann übernachten durfte? Waren es die vielen kostbaren Begegnungen auf der Straße, auf Plätzen, vor Kirchen und Rathäusern?

Am Ende ist es vielleicht das, was Richard von Weizsäcker 1993 einmal so formuliert hatte: „Was wir zu lernen haben, ist so schwer und doch so einfach und klar: Es ist normal, verschieden zu sein“.

Auf jeden Fall war es eine Reise, die Kirche und Seelsorge vor Ort, an vielen Orten erlebbar machte. Wir haben von vielen „Behinderungen“ erfahren, aber auch viel gehört vom unglaublichen Engagement so vieler Menschen, die sich dafür einsetzen, dass Teilhabe möglich ist, dass Kirche einladend und offen erlebt wird. Das ermutigt für die eigene Arbeit, hat auch bei uns viel „ins Rollen“ gebracht und dafür sind wir sehr dankbar!

 

Meinrad Bauer, Seelsorge bei Menschen mit Behinderung im Dekanat Friedrichshafen

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